Die jüdische Gemeinde prägte maßgeblich das Presse- und Theaterwesen in Czernowitz. Jüdische Architekten, Hoteliers, Bankiers und Vorstände von verschiedenen Berufsverbänden waren ein essentieller Teil des gesellschaftlichen Lebens. In verschiedenen Handwerksbranchen (Zimmerer, Uhr- und Schuhmacher) und im Einzel- und Großhandel nahmen sie eine Monopolstellung ein. In freien Berufen als Privatärzte und Rechtsanwälte sowie im Staatsdienst als Lehrer und als Beamte bildeten sie ab Anfang des 20. Jahrhunderts die absolute Mehrheit. Auch in der Politik spielten Juden eine wichtige Rolle. So waren sie im Gemeinderat vertreten und stellten mit Eduard Reiss (1905-1907) und Salo Weisselberger (1912-1914) zudem zwei Bürgermeister.

Bereits seit 1841 gab es in der Bukowina zwei sich deutlich voneinander unterscheidende Glaubensrichtungen. Es existierte das Lager der chassidischen Juden und der aufgeklärten Reformjuden, deren Oberrabbi Elieser Igel ab 1857 in der Großen Synagoge in deutscher Sprache predigte. Im Zuge des nationalen Erwachens ab Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich zudem eine starke zionistische Bewegung heraus, die bis 1940 die größte kommunale Gruppe der Juden in der Bukowina darstellte. Die Mehrheit der Bukowiner Juden sprach Jiddisch und hielt an den orthodoxen Traditionen fest. Der Großteil der städtischen Juden in Czernowiz aber sprach Deutsch und orientierte sich ab den 1860er-Jahren an der deutsch-österreichischen Kultur. Jüdische Kinder in Czernowitz besuchten mehrheitlich staatliche Schulen mit deutscher Unterrichtssprache und ab den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlichten jüdische Journalisten in deutscher Sprache verfasste Zeitungen. Auf diesem Weg trug die jüdische Bevölkerung maßgeblich zur deutschen Kultur der Stadt bei. Da viele Czernowitzer Juden bereits an deutschsprachigen Kulturangeboten teilnahmen, wurde das jüdische Nationalhaus unter Leitung des langjährigen Gerenten Benno Straucher erst 1908 als eines der letzten Vereinshäuser eröffnet. Es befand sich im Stadtzentrum am heuten Theaterplatz und beherbergte die Hauptvertetung der jüdischen Gemeinde. Es fungierte als Veranstaltungs- und Begegnungsort, schloss allerdings jiddische und hebräische Strömungen aus. Daher wurde 1913 die Jüdische Toynbee-Halle errichtet, die sich in ihrer Programmatik als ein Gegenpart zum Jüdischen Hauses verstand.

1910 bildeten die 28.613 in Czernowitz lebenden Juden mit 32,8% die größte ethnische Gruppe der Stadt und die insgesamt drittgrößte innerhalb des Habsburger Reiches nach Wien und Lemberg. Während der Herrschaft von Franz Joseph I. von 1848 -1914 blieben antisemitischen Unruhen weitgehend aus. Obwohl es während der darauffolgenden sowjetischen Besatzung von Czernowitz und der Bukowina vermehrt zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen war, stieg der Prozentsatz der Juden in der Zwischenkriegszeit an, auch durch den Zuzug aus Bessarbien. Demnach stellte die jüdische Gemeinde auch 1919 (47,7%) und 1930 (37%) den größten Anteil an der Czernowitzer Bevölkerung. Unter der rumänischen Herrschaft verschlechterten sich die Lebensbedingungen vieler Juden. Infolgedessen setzte ein Prozess der Verarmung ein, von dem vor allem die Arbeiterschicht und die Intellektuellen betroffen waren.

Während der sowjetischen Besatzung von 1940 bis 1941 wurden alle jüdischen Organisationen verboten und aufgelöst und ca. 3.000 Juden in sibirische Gulags deportiert. Mit Beginn des deutsch-sowjetischen Kriegs 1941 errichtete die rumänische Regierung das jüdische Ghetto in Czernowitz und setzte ab Mitte Oktober die Deportationen fort. Insgesamt wurden während des Holocaust 32.530 Juden nach Transnistrien deportiert. Mehrere Tausend fielen Pogromen zum Opfer. Etwa 16.000 Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg. Viele von ihnen emigrierten 1945/46 nach Rumänien, Palästina und in die USA. 

Gemäß der Volkszählung von 1989 lebten 15.600 Juden in Czernowitz. Seit 1990 schrumpft die Anzahl der Juden bei gleichbleibender Gesamteinwohnerzahl. Laut israelischen Statistiken emigrierten nach 1989/1990 circa 9000 Juden nach Israel. 2.000-3.000 Juden verließen Czernowitz in Richtung der USA oder zogen nach Kiew und Lemberg, sodass 2008 weniger als 1.300 Juden in Czernowitz lebten. Heute zählt die Gemeinde schätzungsweise 600-800 Mitglieder. Der aktuelle Sitz der jüdischen Gemeinde befindet sich im zentralem Kulturpalast, dem ehemaligen jüdischen Haus am Theaterplatz. Dort stehen ihr zwei Räume zur Verfügung. Außerdem gehören das jüdische Museum, zwei Synagogen sowie eine jüdische Schule zur Gemeinde.

Bis heute gibt es Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinde. Ein zentrales Anliegen Leonid Milmans, des derzeitigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, ist daher, neben der Förderung der Jugendarbeit, die Stärkung des Einigkeitsgefühls innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Der 32-Jährige wurde 2016 zum Gemeindevorsitzenden gewählt. Er ist in Czernowitz geboren und aufgewachsen und besuchte die städtische jüdische Schule und das Gymnasium. Er gehört zu den ca. 30 ehrenamtlichen Helfern, die sich für die jüdische Gemeinde engagieren. Als Hauptprobleme sieht er die Überalterung der Gemeinde sowie die begrenzten finanziellen Ressourcen. Aktuell finanziert sich die Gemeinde zum größten Teil aus Spendengeldern von jüdischen Organisationen.

Text: Daniela Gast

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    Jüdisches Haus

    Jüdisches Haus
    Quelle: http://czernowitz.ehpes.com

    Israelitischer Tempel in Czernowitz

    Israelitischer Tempel in Czernowitz
    Aufnahme vor 1930er-Jahre. Quelle: http://czernowitz.ehpes.com

    Jüdische Toynbee-Halle

    Jüdische Toynbee-Halle
    Zeitgenössische Aufnahme um 1914